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Eine feine Gesellschaft

August 25, 2017

 

Gestern bin ich über einen Artikel gestolpert, in dem eine über 50-jährige Frau meint, sie müsse gar nichts. Sich nicht die Haare färben, keinen Kopfstand beim Yoga machen, kein Smartphone besitzen und nicht altersentsprechend kleiden. Sie rechtfertigt sich dann einen ganzen Artikel dafür, warum sie das alles nicht muss, mit über 50.

Im ersten Moment habe ich genickt und gesagt: Eh klar.
Im zweiten Moment habe ich mich gefragt: Warum kommen die Frauen eigentlich mit 50 drauf, was sie wollen und nicht wollen? Warum nicht mit 37 oder 42? Wo doch 42 die Antwort auf überhauptalles ist. Das Leben ist reichhaltiger geworden mit über 50, es bietet mehr Falten, mehr schlaflose Nächte, mehr Hitzewallungen. Sonst nichts.

Im dritten Moment hab ich mich gefragt, wie das denn in meinem Leben so ist. Ob ich mache, was die Gesellschaft von mir erwartet oder mich dagegen wehre. Und wer denn diese Gesellschaft überhaupt ist.
Noch nie hat mich die Fleischhauerin gezwungen, einen Kopfstand beim Yoga zu machen, nein, noch nicht mal den Sonnengruß, noch nie hat mich jemand dazu überredet, mir die Haare rot zu färben oder mich zu einem Waldlauf genötigt. Die Leute, die mich umgeben, lassen mich einfach so sein, wie ich will.
Niemand schreibt mir vor, dass meine Röcke übers Knie reichen sollten und keine Sau möchte, dass ich in meinem Garten Thujen pflanze. Dem Bäcker ist es egal, ob ich das Brot in High Heels oder in Jogginghose kaufe. Oder in beidem. Niemand verlangt von mir, täglich Staub zu saugen.  Also niemand außer meiner Tochter, aber die ist zwar eine wunderbare Gesellschaft, aber eben nicht DIE Gesellschaft. Außerdem bittet sie mich meistens ganz lieb, alle paar Monate. Oder saugt selbst.

Ich erlebe in meinem Alltag und in meinem Beruf weniger Vorurteile, als man so glauben möchte. Die demente ehemalige Bäuerin im Pflegeheim wirft einen Blick auf meine Latzhose und erzählt aus ihrem Leben in Armut. Der Richter bemerkt meine silbernen Sneakers nicht einmal, sondern überlegt die Route seiner für das Wochenende geplanten Radtour. Die Gutachterin ignoriert meine Speckröllchen im engen Kleid und fragt sich, ob sie es rechtzeitig zur Tanzveranstaltung ihrer Tochter schafft.

Der Gesellschaft rund um mich ist - auch wenn diese Erkenntnis weh tut - in Wirklichkeit wahrscheinlich blunzenwurscht, ob ich ayurvedischen Frühstücksbrei oder Eier mit Speck esse und ob ich Shopping Queen oder eine GEO-Reportage sehe. Die Gesellschaft da draußen hat nämlich ganz andere Sorgen. Dem Menschen ist nichts so interessant wie er selbst. Wir nehmen uns da vielleicht ein bisschen zu wichtig, in dem wir uns vormachen, die Gesellschaft schreibe uns vor, wie wir zu ticken hätten.

Ich glaub, diese Gesellschaft, die ständig Dinge von uns erwartet, die uns nicht erlaubt, in Flipflops ins Büro zu gehen und will, dass wir Sport betreiben anstatt Tiramisu zu essen,  diese Gesellschaft, die ist nicht um uns herum, sondern in uns. Diese mieselsüchtigen, lustlosen Gesellen hocken in unseren Köpfen, in ihren Wollkostümchen und grauen Anzügen, umrandet von Thujenhecken. Sie trinken Kräutertee und stallieren uns aus. Haben ja auch sonst nichts zu tun.

Es liegt aber an uns, welche Gesellen wir einladen, da oben zu wohnen. Was wir ihnen zu trinken anbieten und womit wir sie füttern, mit Ängsten und Vorurteilen oder mit einem satten Gefühl. Wenn die Champagner trinken, das Leben in unseren Hirnen genießen und sich wohlfühlen, dann lassen sie uns auch mit ihren komischen Vorschriften in Ruhe.

Prost.


 

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